Wer aufrecht für die Wiederherstellung unserer demokratischen Rechte und Freiheiten eintritt, zeigt, dass es eine Alternative zum Mitläufertum gibt. Teil 7.

von Andrea Drescher

Sabine Donath erblickte 1963 in Berlin das Licht der Welt, wo sie heute noch lebt. In der DDR zur Sonderschullehrerin für Lernbehinderte ausgebildet, wurde sie 2012 aufgrund von Multipler Sklerose in den Ruhestand geschickt. Sie ist aber — im Rahmen ihrer Möglichkeiten — sehr aktiv. Wenn sie nicht auf Demos zu finden ist, malt und bastelt sie gerne, dient ihrem Kater Mickey, der aus Rhodos stammt, seit drei Jahren als pflichtbewusster Dosenöffner und hofft, dass nach Corona das Reisen wieder möglich sein wird. Sie ist verwitwet und kinderlos, trotzdem sind Kinder ihr wichtigster Grund, sich politisch zu engagieren. Ihre Liebe zu Kindern war schließlich der Grund, aus dem sie sich für den Lehrerberuf entschieden hatte.

Andrea Drescher: Sie haben bis 2012 als Lehrerin gearbeitet?

Sabine Donath: Nicht ganz. Ich war nach dem Studium 5 Jahre in der DDR tätig, dann in der BRD, bis ich MS-bedingt Probleme bekam. Vier Jahre war ich krankgeschrieben und wurde 2012 in den Ruhestand geschickt.

Können Sie mir etwas zu Ihrem politischen Hintergrund erzählen?

Politisch interessiert war ich eigentlich schon immer, auch wenn ich nicht zu denen gehörte, die in der DDR rebelliert haben. Dafür hatte ich persönlich und mit dem, was ich tat, keine Veranlassung. Die Arbeit hat Spaß gemacht, die Kinder stammten teilweise aus einfacheren Familien, und ich konnte viel für sie erreichen. Ich war nicht reich — als Lehrer hat man in der DDR nicht besonders gut verdient —, aber mir ging es gut. In der DDR erhielt ich monatlich 900 DDR-Mark, jeder Handwerker hatte mehr Einkommen, aber das war völlig ausreichend.

Ich habe die Weltlage kritisch hinterfragt und Nachrichten sehr aufmerksam verfolgt. In Berlin hatten wir Informationen von beiden Seiten, waren in der Lage, neben der Aktuellen Kamera auch die Westnachrichten zu verfolgen. Daher habe ich immer selbst überlegt, was mir plausibel erschien.

Ich habe keinem Medium vorbehaltlos geglaubt. Nach Mauerfall und Wende bekam ich schnell mit, was der „goldene Westen“ bedeutet, obwohl ich selbst auf einmal zu den Privilegierten und Besserverdienenden gehörte.

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, das habe ich nie vergessen, und kenne viele Menschen, die finanziell am Anschlag lebten und leben.

Hat Sie das motiviert, selbst aktiv zu werden?

Ja, das hat mich dazu gebracht, mich zu engagieren. Die Diskrepanz — der Minilohn einer Kellnerin und die hohen Gehälter der Manager — fand ich schlimm. Jeder, der arbeitet, sollte mit seiner Hände Arbeit ein vernünftiges Auskommen haben. Man muss nicht reich werden, aber sich ein menschenwürdiges Leben gestalten können. Alles andere empfinde ich als ungerecht. Mitte der 90er begann ich viel zu lesen und das Weltgeschehen wieder genauer zu analysieren. Ich diskutierte mit Bekannten und Freunden, wollte in meinem direkten Bereich meine Sicht der Dinge vermitteln, bin aber noch nicht auf die Straße gegangen. Das kam deutlich später.

Wann war das?

Richtig aktiv wurde ich erst 2015, das hing mit der Flüchtlingskrise und dem, was sich im Mittelmeer abspielte, zusammen.

Wie meinen Sie das?

Ich liebe das Meer. Ich bin ungeheuer gerne am und auf dem Meer, schnorchele, segle gerne — und dann passierte das mit den Booten, die ständigen Tragödien, das Absaufen — und alle schauten zu. Das konnte doch nicht wahr sein! Menschen verrecken, weil keiner sie aufnimmt. Daraufhin ging ich zu den Demos von Seawatch, habe auch regelmäßig für den Unterhalt der Schiffe gespendet.

Nachdem sich bis Mitte 2016 im Grunde nichts geändert hatte — es ertranken weiter Menschen, die Lage in den Lagern war katastrophal und spitzte sich immer weiter zu —, begann ich an politisch Verantwortliche zu schreiben Von Mitte 2016 bis 2017 schrieb ich über 400 Briefe an Merkel und de Maizière mit Informationen über die Lager, mit der dringenden Aufforderung, endlich tätig zu werden und etwas zu verändern.

Und die Reaktion?

Ich bekam genau drei Antworten, deren Grundtenor in etwa war: „Ja, o.k., wir tun …, schauen Sie auf die Internetseite der Bundesregierung, da finden Sie …“ Dort stand aber nur das übliche Blabla. Im letzten Antwortschreiben wurde deutlich gesagt, dass man meine Schreiben zu Kenntnis nähme, aber nicht mehr antworten werde. Da war mir klar, das Porto kann ich mir sparen und besser für Organisationen verwenden, die vor Ort Hilfe leisten. Daraufhin habe ich den Schweitzer Michael Räber mit seinem Schwizerchrüz, die sich bis heute noch engagieren, lange unterstützt. So wurde ich aktiv. Statt nur zu reden und mir Gedanken zu machen, kam ich ins Handeln und Tun.

Und dann kam Corona. Beim Protest gegen die Maßnahmen sind Sie auch aktiv. Gehören Sie aus Sicht der Mediziner mit MS nicht zu den Risikogruppen?

Ja, nach offizieller Lesart — aber ich sehe das nicht so.

Ich habe ein ganz anderes Problem. Seit ich dem negativen Stress auf der Arbeit nicht mehr ausgesetzt war, hatte ich 12 Jahre keine Schübe mehr. Seit Ende März habe ich permanent negativen Stress. Und jetzt laufe ich größere Strecken nur noch mit Rollator. Den habe ich bis dahin nicht gebraucht. Im Alltag geht es gerade noch ohne — aber für Demos nicht mehr anders. Ich merke beim Einkaufen immer häufiger, dass ein Rollator besser ist als der Stock. Und er ist zunehmend auch meine einzige Erholungsmöglichkeit.

Wie meinen Sie das?

Ich habe so immer einen Sitzplatz mit dabei. In Berlin ist das notwendig, da in den Einkaufszentren sämtliche Sitzbänke entfernt wurden, sodass sich ältere oder behinderte Menschen beim Einkaufen nirgendwo mehr ausruhen können. Auch bei den S-Bahnen haben sie jetzt angefangen, Bänke abzubauen. Es gibt in Berlin viele alte und gehandicapte, aber aktive Menschen wie mich, die zwischendurch mal eine Ruhepause brauchen. Das ist ein Unding. Denen geht es doch nicht um die Menschen, da stimmt doch etwas nicht!

Wann wurde Ihnen bewusst, dass da etwas nicht stimmt?

Das war fast von Anfang an — seit April etwa. Aufmerksam gemacht durch die Videos von Bodo Schiffmann habe ich mir die Zahlen vom RKI selbst angeschaut. Dann kam der Sommer, und Corona war fast verschwunden; was aber nicht verschwand, waren die Einschränkungen. Obwohl ich nur drei Stunden von der Ostsee entfernt lebe, waren Tagesausflüge verboten. Das war alles so absurd! Zunächst habe ich mich weiter informiert, immer intensiver im Web vernetzt, ging auf Telegram und fand mehr und mehr Menschen, die ähnlich denken.

Waren Sie auf den Querdenken-Demos im August dabei?

Jein. Ich habe mich noch nicht getraut, mitzumarschieren, wollte den Rollator nicht nutzen, fuhr aber am 29. August mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße und habe erlebt, was dort passiert ist.

Was haben Sie denn beobachtet?

Ich kam aus dem S-Bahnhof raus, und ein paar Typen — nur wenige — kamen mir mit Reichsflaggen entgegen. Die waren aber nur am Rand, und ich habe mich von denen ferngehalten. Beim Gebäude, in dem der Rossmann-Markt drin ist, standen viele vornehmlich Ältere mit Peace-Fahnen. Da habe ich mich dazugesellt, kam sehr schnell in sehr nette Gespräche.

Als sich der Zug in Bewegung zu setzen schien, haben die sich eingereiht, kamen aber nicht weit, da der Zug schnell wieder stoppte. Alle blieben friedlich und entspannt, haben sich teilweise auf die Straße gesetzt und versucht, Abstände zu halten. Ich kam am Straßenrand mit anderen ins Gespräch. Ein sehr gutbürgerlich wirkender Herr sagte etwas, was mich zunächst irritierte: „Ich habe damals nicht verstanden, warum die Pegida-Anhänger immer von Lügenpresse sprechen, langsam fange ich an, es zu verstehen.“

Als ich 2,5 Stunden später heimfuhr — gar nicht so leicht, durch die Absperrungen wieder aus dem Kessel zu kommen — und mir abends sämtliche Nachrichten angeschaut hatte, wusste ich, was er gemeint hatte. Ob ZDFARD oder die Abendschau im Lokalsender: Das einzige, über das berichtet wurde, war der „Sturm“ auf den Reichstag. Ich war echt erschüttert, denn anhand der Videos, die ich inzwischen verfolgt hatte, wusste ich ja bereits, dass die Reichstagsbühne nichts mit Querdenken zu tun hatte. Es wurde aber so hingestellt, als ob es eine Veranstaltung sei.

Das war der Anfang meiner „Corona-Demo-Karriere“, ich wusste, ich kann nicht länger stillhalten und warten, dass jemand anderes etwas für mich tut. Dann stieß ich auf die Schweigemärsche, ich kannte Andreas Mertens, einen der Organisatoren, und war am 10. Oktober gleich mit dabei.

Allein?

Nein, ich war mit Freunden dort, wäre aber auch allein mitgegangen, zumal Andreas mir Unterstützung angeboten hatte. Das war aber bei allen drei nicht nötig.

Wie haben Sie die Schweigemärsche wahrgenommen?

Der erste war total beeindruckend. Mich hat das Konzept überzeugt — keine politischen Fahnen, keine Symbole, Abstand und Maske — das ist doch genial! Der Staat kann es nicht verbieten, wenn sich ganz normale Bürger an seine dämlichen Verordnungen halten — und wir können unseren Protest zeigen. Also bin ich mit meinen Freunden hin und habe meinen Rollator rausgeholt. Wir haben uns eingereiht und liefen schweigend durch die Straßen. Ab und zu kamen Fragen vom Straßenrand. Aber wir sind einfach schweigend unsere Tour gelaufen.

Ich habe es bis zum S-Bahnhof Tiergarten geschafft. Dort habe ich Schluss gemacht, mich auf meinen Rollator gesetzt und den Rest des Zuges an mir vorbeilaufen lassen. Das war für mich absolut beeindruckend. Als abends in den Hauptnachrichten — außer im RBB — nichts erschien, obwohl so viele Menschen teilgenommen hatten, machte mir das endgültig deutlich, dass es sich nicht lohnt, diese Nachrichten zu verfolgen.

Der zweite Schweigemarsch war völlig abgefahren. Etlichen, die mitmarschiert sind, fiel es sichtbar schwer, ruhig zu bleiben, so unfassbar aggressiv wurden wir von der Antifa beschimpft. Wir alle liefen ohne irgendein erkennbares politisches Symbol, alle trugen Maske und hielten Abstand. Woher diese Antifa-Gruppen wussten, dass wir mit Nazis marschieren, hat sich mir nicht erschlossen. Es war echt unglaublich, was die da geliefert haben.

Beim dritten Schweigemarsch am 20. Dezember waren nicht so viele dabei, aber man merkte, es hat sich schon ein harter Kern gebildet. Während der Zug bei den ersten beiden Märschen genau durch Ordner mit Maßband aufgestellt wurde, ging das beim dritten Mal schon ganz von allein — alle wussten, worum es geht. Auch mit der Polizei ging es sehr entspannt, sie wussten ja, dass wir die Auflagen einhalten. Das war am 18. November noch völlig anders.

Sie waren auch eine von diesen „Antisemiten“ am Brandenburger Tor?

Ja klar. Ich wollte die Verabschiedung des 3. Infektionsschutzgesetzes, über das ich vieles gelesen hatte, nicht unwidersprochen hinnehmen. Überall war absperrt. Mit einem Freund ging ich zur Demo von „Eltern stehen auf“ und dann weiter über die Friedrichstraße bis zur amerikanischen Botschaft. Dort habe ich mich auf den Rollator gesetzt und mir die „Katastrophe“ angeschaut. Die Leute, die mit uns dort standen, haben gesungen, sich unterhalten und Sprüche wie „Frieden, Freiheit, keine Diktatur!“ skandiert. Es war ein komplett bunt gemischtes Publikum, alle Altersgruppen, Bevölkerungsschichten und Klamotten waren zu sehen.

Kurz bevor die Wasserwerfer einsetzten, tauchte von hinten eine Gruppe junger Männer auf. Sie schienen alle Anfang 30, waren alle dunkel — ich glaube, mit Northface-Jacken — fast einheitlich gekleidet. Sie stellten sich direkt vor mir nebeneinander hin und warteten eine Weile. Die Typen passten überhaupt nicht ins bisherige Bild der Demo. Und dann bemerkte ich, dass sie aus den Jackentaschen Sonnenbrillen holten und aufsetzen.

Ich war auch vor Ort, kann mich nicht erinnern, dass die Sonne schien, oder irre ich mich?

Nein. An dem Tag und in dem Moment schien definitiv keine Sonne. Ich dachte, was ist denn jetzt los, bin aufgestanden und habe sie angesprochen: „Bitte — wir wollen hier friedlich protestieren, macht bitte keinen Ärger.“ Was dann passierte, war wirklich gruselig.

Sie schauten mich nicht an, sie schienen nur durch mich durch zu sehen, und keiner sagte etwas. Wenig später bewegte sich die ganze Gruppe geschlossen in Richtung der Massen beim Brandenburger Tor. Kurz danach hörte ich Böller knallen, und wieder nur mit wenig Zeitverzögerung begannen die Wasserwerferberegnungen.

Ich bin überzeugt, das waren Agents Provocateurs — keine Neonazis. Die hätten auf mich irgendwie reagiert, hätten mich mit „Hey Alte, was willst du von uns“ angepöbelt. Diese Typen wirkten gut organisiert und professionell — sie sagten einfach nichts.

Leider habe ich nicht darauf geachtet, ob sie Ohrstöpsel hatten, und auch kein Foto gemacht. Meine Beobachtungen habe ich allen möglichen Nachrichtenseiten mitgeteilt. Aber es gab seitens derer überhaupt keine Reaktion.

Ist es nicht anstrengend, mit MS auf Demos zu gehen?

Ich bin dort nicht die Einzige mit Handicaps. Ich sehe immer wieder Leute mit Rollstuhl, Schwerstbehinderte, Menschen mit Krücken. Es sind ja vorwiegend bürgerliche Menschen mittleren oder höheren Alters, die auf die Straße gehen. Die Jungen stehen am Straßenrand und bepöbeln uns als Nazi oder Antisemit. Dabei demonstrieren wir ja nicht nur für uns selbst. Ich war Lehrerin mit vollem Herzen, meine Schüler waren meine Kinder. Ich verfolge mit Entsetzen, was man Kindern antut, wie man ihnen Angst macht, dass sie „ihre Großmütter umbringen“, wenn sie Abstände nicht halten oder ohne Maske rumlaufen.

Im Rahmen unserer sehr guten Lehrerausbildung in der DDR gab es auch vier Semester Kinder- und Jugendpsychologie. Mir ist sehr bewusst, was mit den Kindern gerade passiert. Sie werden schwer traumatisiert — mangelnder Körperkontakt, nicht mit Freunden spielen ist doch völlig ungesund! Für jüngere Kinder sind die Masken besonders schlimm, da ihnen die Mimik fehlt und sie noch nicht wissen, wie man ein Lachen an den Augen erkennt. Mir kann niemand erzählen, dass Kinder dadurch keine psychischen Schäden bekommen.

Das ist mein Hauptantrieb, mich zu engagieren. Ich hatte ein schönes Leben. Auch wenn es mir fehlt, ich kann damit leben, nicht mehr zu reisen. Das geht alles noch. Aber was man mit den Kindern macht, halte ich für unverzeihbar. Auch wenn ich merke, dass es mit meinen Beinen zunehmend schlechter wird, ich werde trotzdem nicht aufhören. Lokal machen wir mit Informationsständen Straßenaufklärung. Alles ist angemeldet, wir haben immer Polizei an der Seite und mit ihnen ebenfalls sehr gute Erfahrungen gemacht. Die letzten Male haben die Polizisten durchaus wohlwollend reagiert. Aufgeben ist da keine Option.

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